Warum Fantasy? oder Ich denke laut (Ein „Rant“)

Ein alter Blogpost von meiner alten Seite wiederentdeckt und als noch immer aktuell befunden:

Womit man sich als Schriftsteller alles auseinandersetzen muss. Und das nur, weil man zufällig Fantasy schreibt.

Unglaublich.

Da werden plötzlich Dinge in Frage gestellt, die man bei Literatur doch eigentlich als selbstverständlich genommen hat.

Und man beginnt plötzlich am Leser an sich zu zweifeln. Vor allem an dem, der sich auf die Fahnen schreibt, ein Genre zu lesen, das er „anspruchsvolle Literatur“, „literarische Literatur“, manchmal auch „Mainstream“ oder gelegentlich vielleicht auch „Klaus-Dietrich“ nennt. Man möchte die Hände zum Himmel erheben und klagen: „Sie wissen nicht, was sie tun …“

Durch Zufall stieß ich auf einen Beitrag der Bloggerin Serpensortia auf YouTube. Darin berichtet sie von einer Lese-oder Autorenrunde, bei der sich eine Person aus diesem Kreis herablassend über Fantasy äußerte und in verächtlichem Ton fragte, warum er denn Literatur lesen solle, bei der er sich mit einer Welt auseinandersetzen müsse, die nicht die seine ist.

An dieser Stelle kam ich nicht umhin, in den Frageruf auszubrechen, der gewiss auch dem hochverehrten Leibniz oft über die Zunge gegangen sein muss:

Hallo?

Am liebsten würde man schmunzelnd über solche Zeitgenossen hinweggehen, wenn man auf solche Äußerungen nicht so häufig treffen würde.

Am liebsten würde man bei diesen Gelegenheiten fragen, was läuft hier schief?

Wenn ein Genre wie die Fantasy dazu dient, eine solche Aussage daran aufzuhängen, möchte man doch recht eigentlich die ganze Motivation solcher Leute überhaupt zu lesen in Frage stellen.

Warum sollen wir uns beim Lesen mit einer Welt auseinandersetzen, die nicht die unsere ist?

Warum, wenn nicht aus diesem Grund, lesen wir überhaupt?

Bei jedem Buch, das wir lesen, setzen wir uns schließlich mit einer fremden Welt auseinander. Jeder Mensch, jeder Autor aber besonders auch jedes Buch ist eine eigene Welt. Und die eine unterscheidet sich grundlegend von der anderen.

So sei das aber nicht gemeint, wird jetzt bestimmt der Stiesel oder die Stieselin auf der anderen Seite einwenden. Soll also heißen, nur die Literatur ist ordentliche Literatur und der Auseinandersetzung würdig, welche die banale Alltagswelt, die Welt, der wir uns alle tagtäglich aufs Neue über unsere vier (!) Sinne versichern können, abbildet?

Tja, tut mir leid, bei dieser grauverschleierten Sicht, fällt leider ein großer Teil der Weltliteratur vom Karren runter. Allen voran Goethes „Faust“, Voltaire, oh, Shakespeare, ups!, die komplette deutsche Romantik, Beowulf, autsch!, da stürzt das Nibelungelied, oh, Alfred Döblin, er versucht sich noch an Thomas Mann festzuhalten und zieht diesen mit in die Tiefe. Lass mal sehen, wen wir jetzt überhaupt noch an Bord haben. Aha, nur noch die, welche sich nicht der Phantasie haben überführen lassen. Oh, was für ein magenkranker, miesepetriger Haufen. Und von denen kann man kaum einen als mehr als durchschnittlich bezeichnen. Mediokrer Haufen. Trübselige Konsonanten-Onanisten und Wermut-Tee-Zerrührer. Mit denen möchte doch niemand von uns ein Bier trinken gehen.

Wir bleiben in einer ziemlich traurigen Gesellschaft zurück, wenn als K.O.-Kriterium für „gute Literatur“ gelten soll, dass etwas von der eigenen Alltags- und Erlebenswelt abweicht.

Aber das Ganze gestaltet sich ja bei genauer Betrachtung noch Tiefgreifender.

Warum sollte ich mich mit Fußball auseinandersetzen, da er doch nicht nach den Regeln des Alltags funktioniert? Warum jede andere Sportart? Warum Schach? (Gutes Beispiel übrigens. Ich bitte doch einmal über Schach als Metapher für phantastische Literatur zu meditieren. Der König im Schach heißt nicht Karl der Große oder Wilhelm der Eroberer oder Hannibal. Keine Person der Geschichte. Was für ein sinnloses Spiel!)

Dieses Beispiel zeigt allerdings ein Modell auf. Es handelt sich um Spiele. In einem Spiel lassen wir uns auf die der alltäglichen Welt fremden, ihm inhärenten Regeln ein. Oft um im Aufgehen in diesen Regeln etwas Allgemeingültiges zu finden.

Ist das Lesen eines Buches nicht auch so etwas wie ein Spiel, bei dem das Einlassen auf die Regeln des Werkes die Grundvoraussetzung ist?

Sofort denken wir an Hermann Hesses „Glasperlenspiel“, das sich auch dieser Metapher bedient.

Macht dieses Einlassen auf inhärente Regeln, das immer wieder neue Einlassen auf immer wieder neue Regeln nicht einen der Wesenszüge der Kunst aus. Und zwar nicht nur der literarischen.

Ist dies nicht auch eine der größten Verdienste der Kunst, dass sie uns zeigt, in etwas Neuem, Fremdem, Autarkem, nach eigenen Regeln Funktionierendem eine Wahrheit zu entdecken.

Man könnte dies auch versuchsweise als die Definition eines Kunstwerks verwenden, eines literarischen, bildenden, plastischen, musikalischen: dass es in sich autark ist, eigene Regeln aufstellt, denen es selber entspricht und genügt, in denen es selber aufgeht.

Wie wollen wir sie nennen? Die „literarische“, „anspruchsvolle“, „Mainstream“, „Feuilleton“ oder Profan-Literatur? Dieses Genre, das sich anmaßt kein Genre zu sein, sondern die Literatur an sich, nicht die Ausnahme, die Verirrung sondern die Normalität. Dessen Haltung daher allzu oft an einen xenophoben Chauvinismus gemahnt.

Was speist in ihrer Betrachtung eine Haltung, die es als Zumutung betrachtet, sich literarisch mit Welten auseinanderzusetzen, die nicht die eigene sind?

Diese – nennen wir sie einmal so – „allgemeine Literatur“ kann auf einen Konsens breiter Erfahrungen zurückgreifen, die wir uns angewöhnt haben, als allgemeingültig zu betrachten (was, wie schon im Vorhergehenden anklang, bei genauer Durchleuchtung fragwürdig wird), wohingegen bei Fantasy (oder Ähnlichem, was auch schon in weiten Feldern dieser „allgemeinen Literatur“ seinen Anfang nimmt) der Boden dieses Konsenses verlassen wird und deshalb oft die Regeln ausgesprochen werden müssen.

Die Weltgesetze können sich nicht länger hinter dem Schleier des Impliziten verstecken.

Ich frage mich, würden die Welten, die von den Buchdeckeln von Werken der „allgemeinen Literatur“ gefasst werden, noch immer so allgemeingültig, „realistisch“, so sehr als „die Unsere“ empfunden, wenn auch hier klar die Regeln auf den Tisch gelegt werden müssten, wenn auch hier der angebliche Konsens ausgesprochen und definiert werden müsste. Was ist der fragwürdige Widerhaken des Realismus mit dem wir den weißen Wal der „anspruchsvollen“ Literatur harpunieren können müssen?

Ich bin mir sicher, wir würden uns bei vielen Autoren mit Grausen abwenden, wenn sie die Grundzüge ihrer Welt definieren müssten. Mir jedenfalls geht das oft so bei von der literarischen Welt hochgefeierten Autoren, auch wenn ihr „world-building“ nur implizit ist.

Was ist also nun das Fazit dieses Bloggers, der sich eine Stunde lang auf der Bühne zerquält und tobt?

Im Grunde ein Allgemeinplatz.

Fantasy ist Literatur.

Sie muss genauso ernst wie jede andere genommen und nach den gleichen Kriterien beurteilt werden. Wozu gehört, dass sie innerhalb ihrer Genreregeln beurteil wird. Es nützt wenig einen satirischen Roman wie eine Sozialreportage zu betrachten; das Ergebnis wäre fruchtlos und unsinnig.

Entweder ist Fantasy auch Literatur oder nichts ist Literatur. Wenn wir schon einteilen wollen, dann bitte nicht nach Genre sondern in gute und schlechte Bücher. Oder solche die gefallen, unterhalten, uns wachsen lassen oder nicht. Oder was auch immer.

So, und nächstes Mal dann bitte dem Banausen eins auf die Glocke, werte Schwester S. Meinen Segen hast du.

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